Interview “Junge Welt” 6.2.2014

Junge Welt 6.2.2014 Inland / Seite 2  http://www.jungewelt.de/2014/02-06/041.php

»Gefährlich für die Vielfalt des Büchermarkts«

Vorstandsmitglied der »Linken Unternehmer« startet Boykottkampagne gegen Amazon. Ein Gespräch mit Elisa Rodé
Interview: Markus Bernhardt

  • Sie haben jüngst die Kampagne »Ohne Amazon« ins Leben gerufen, in deren Rahmen Sie zum Boykott des Internetversandes aufrufen. Was sind Ihre Beweggründe?

Amazon hat sich zu einem Quasi-Monopolisten im Internet entwickelt und dadurch ein großes Erpresserpotential gegenüber Verlagen, Autorinnen und Autoren. Das ist gefährlich für die Vielfalt des Büchermarkts. Er soll ja durch die Buchpreisbindung vor dem Dumpingpreiskampf geschützt werden, weil Bücher, Verlage und Buchhandlungen als kulturelle Werte begriffen werden. Nun hat Amazon diese Buchpreisbindung in gewisser Weise durchbrochen, indem in den Preis der Bücher die Versandkosten mit einbezogen werden. Es gibt also sozusagen etwas zusätzlich zum Buch, wodurch Amazon gegenüber Buchhandlungen im Vorteil ist.

Amazon preßt den Verlagen außerdem immer höhere Gewinnmargen dafür ab, daß die Bücher dort gelistet werden. Das gefährdet Verlage, besonders wenn es um Bücher geht, die keinen Massenabsatz finden. Die kulturelle Vielfalt wird damit bedroht.

  • Gefährden Sie mit Ihrem Boykottaufruf nicht die Arbeitsplätze der Amazon-Mitarbeiter?

Durch den Kauf bei Amazon gefährdet man die Arbeitsplätze vieler Buchhändler und Verlage. Schön wäre es, wenn die Kampagne wirklich so erfolgreich wäre, daß es für Amazon spürbar würde. Die Arbeitsplätze dort sind bekanntermaßen nicht sehr angenehm. Deshalb hat ja auch ver.di die Verhältnisse beim Internethändler in der letzten Zeit angeprangert, woraufhin das Unternehmen droht, den Versand in billigere Länder zu verlagern.

  • Und dennoch haben sich vor wenigen Wochen etwa 1000 Amazon-Beschäftigte von den ver.di-Streiks distanziert…

Mehrere tausend Menschen arbeiten bei Amazon, viele in ungesicherten Zeitarbeitsverträgen und zu ausbeuterischen Bedingungen. Einige davon haben sich offenbar der Argumentation von Amazon gebeugt und sich gegen ver.di ausgesprochen. Es geschieht leider häufig, daß sich Belegschaften durch Drohungen der Unternehmer spalten lassen, ihre Arbeitsplätze seien gefährdet. Wenn wir dieser erpresserischen Argumentation folgen würden, wären wir in unseren Aktionen auf Dauer lahmgelegt.

  • Welche Alternativen sehen Sie zum Einkauf bei Amazon?

Heute morgen habe ich beispielsweise eine Mail an eine kleine Rostocker Buchhandlung geschickt und darum gebeten, daß das Buch »Freiheit gehört nicht nur den Reichen« für mich bestellt wird. Meine Telefonnummer steht dabei, so daß ich wohl morgen das Buch abholen kann.

Vielleicht sollten Menschen, die Bücher mögen, sich öfter die Zeit nehmen, in eine Buchhandlung zu gehen, und das nicht als Last und unnötigen Zeitaufwand, sondern als angenehmes kulturelles Erlebnis werten. Wer tatsächlich keine Zeit hat, zu den normalen Geschäftszeiten ein Buch zu kaufen, kann sich die Bücher auch von einer Buchhandlung zuschicken lassen

  • Viele Menschen dürften Ihrem Beispiel jedoch – allein aus Bequemlichkeit – nicht folgen. Sehen Sie Möglichkeiten, die zunehmende Digitalisierung des Alltagslebens noch aufzuhalten?

Es geht weniger um die Digitalisierung an sich – sie ist sicher nicht aufzuhalten – als um die Begleiterscheinungen, wie Monopolisierung und vor allem auch Speicherung und Auswertung persönlicher Daten durch Großunternehmen wie Amazon, Facebook und Google. Amazon hat ein genaues Persönlichkeitsprofil seiner Käuferinnen und Käufer, dadurch, daß alle Käufe registriert und ausgewertet werden. Amazon weiß: Wer kauft linke Bücher, wer sucht nach Büchern zum Thema Sozialismus oder Koran usw. Keine angenehme Perspektive.

Ich persönlich reagiere inzwischen allergisch, wenn mir Onlinehändler schon beim Einloggen empfehlen, was mich interessieren könnte. Ich empfinde das ganz klar als ein unangenehmes »Zunahetreten« dieser digitalen Maschine und keineswegs als willkommene Hilfe. Ich möchte selbst das Erfolgsgefühl haben, etwas zu entdecken, was mich interessieren könnte, und nicht den Hinweisen einer Maschine folgen.

Wir können zumindest in unserem eigenen Einflußbereich etwas gegen diese Entwicklung tun.

Elisa Rodé ist Mitglied im Bundessprecherrat der Bundesarbeitsgemeinschaft »Linke Unternehmerinnen und Unternehmer« (BAG LiU) der Linkspartei

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